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Vorwort zum Katalog

Köln ist eigen. Ein Kölner weiß das natürlich, aber als Gast, der sich zwei Tage ausführlich mit der Stadt beschäftigt, fallen doch drei Dinge auf, die zusammen das Charisma der Stadt ausmachen: Zunächst ist Köln nicht schön, jedenfalls, wenn man es nach seinen Einzelbauwerken beurteilt. Kriegszerstörung, Wiederaufbau und die verschiedenen Wellen der Erneuerung bis heute haben einen Stadttext geschaffen, der Kunstsprache, Schmuck und Extravaganzen tunlichst vermeidet. Trotzdem, und das ist der zweite starke Eindruck, ist Köln eine ausgesprochen vielgesichtige Stadt. Bei den Spaziergängen und Fahrten zu den Gebäuden, die für den Kölner Architekturpreis 2010 eingereicht wurden, sah die Jury Dörfliches und Gigantisches, den robusten Charme ehemaliger Industrieanlagen und das bezaubernde Durcheinander engster Parzellenbebauung, wiederbelebte Areale vergangener Sozialgeschichte und neue Sehnsucht nach Eleganz, Dornröschenschlaf und Domgeist. Doch letztlich war es die herzliche und unkomplizierte Lebensart, die man in Köln antrifft, die nicht nur den Aufenthalt für die auswärtigen Juroren so angenehm gestaltete, sondern eben auch dafür sorgt, dass Kölner Leben diese „Seele“ hat, die man mit Blick auf das Baugeschehen vielleicht besser als starke Stadtpersönlichkeit bezeichnet.

 

Bezieht man diese Eindrücke auf das ambitionierte Entwerfen im Kölner Stadtgebiet der letzten vier Jahre – und als solches bezeichnen sich die 107 Einreichungen für den Preis natürlich –, dann würde ein Gesamturteil vermutlich so lauten: Kölner Architekten schätzen die Individualität der Bewohner stärker als die Originalität der Gebäude. Oder anders gesagt: Im Vergleich zu dem, was künstlerisch und bautechnisch heute in der Architektur möglich ist, pflegen die Baumeister Kölns eine solide Bescheidenheit, die als Haltung zur europäischen Stadt durchaus sympathisch sein kann, es einer Jury mit Blick auf das Herausragende aber schwer macht, das besonders Schöne zu finden.

 

Nun ist „schön“ ein sehr instabiles Kriterium, ebenso wie „besonders“. Was der Einzelne bemerkenswert und ansprechend findet, das hängt nicht zuletzt stark von seinen persönlichen Erlebnissen und Vorlieben ab, und viele Argumente, die fünf fremde Menschen beim Streiten über Preisvergaben austauschen, haben ihre Herkunft in dem diffusen Begriff des Geschmacks. Aber trotz solcher biografischer Unterscheidungskriterien standen die fünf Juroren in einem Punkt doch sehr einig vor einem Dilemma: Im Verhältnis zur Menge der Einreichungen war der Ertrag im Bereich der Wohnbebauung am niedrigsten. Auf die sich stetig differenzierenden Lebenswelten unserer Zeit reagierten die allermeisten Architekten mit erstaunlich konventionellen Lösungen oder sturen Adaptionen vergangener Stile. Vor allem die vielen Villen im Bauhaus-Stil bestätigten wieder das spöttische Urteil, „Bauhaus heute“ ist Geschmack für Leute ohne Geschmack.

 

Prämiert wurde dann auch eher subtile als auffällige Originalität. Ein handtuchschmales Einfamilienhaus in Lindenthal, das die traditionell spießige Wandverkleidung mit Schieferplatten abstrakt neu formuliert und hinter der Fassade den engen Platz mit eigensinnigen Grundrisslösungen vergessen macht (jäck_molina architekten); eine Baulückenschließung vor dem Gewerbehof Huhnsgasse 34 mit Loftwohnungen, die mit flexiblen Grundrissen und wenigen ausgesuchten zeitgenössischen Fassadenelementen eine alte Kriegswunde heilt (Raderschall Architekten); sowie die feine Neuinterpretation des klassisch deutschen Einfamilienhaustyps mit Garage und Satteldach beim Haus Rollinger, wo mit wenigen akkuraten Detaillösungen die banale Anmutung dieses Typs ins Elegante gehieft wurde (Johannes Götz und Guido Lohmann).

 

Ähnlich kritisch wie die Qualität beim Wohnungsbau sah die Jury die Ergebnisse der Rheinhafen-Bebauung, von der zahlreiche Projekte eingereicht wurden. Neben der städtebaulich unbefriedigenden Situation langer Blockbildung ohne klar gefasste öffentliche Räume, die dem neuen Quartier die Anmutung anonymer Solitärbildung geben, konnten auch die Einzelbauwerke in der Architektur nicht die Herausforderungen dieses außergewöhnlichen Bauplatzes einlösen. Die Wolkenbügel a la El Lissitzky von Bothe, Richter, Teherani sind in ihrer stolzen Präsenz und präzisen Statur die einzigen Elemente dieses Milieus, die den architektonischen Optimismus, der hier gefragt wäre, als Herausforderung annehmen – auch wenn die Hamburger Architekten die schlanke Schlüssigkeit des Vorbilds zu investorentauglichen Baumassen verdicken und damit deutlich hinter der kühnen Visionkraft des berühmten Original-Entwurfs zurückbleiben – weswegen sie auch nur in die zweite Kategorie der Preise gelangten.

 

Im Verhältnis allein zum körperlichen Auftritt dieser neuen Rheinkrone mag es vielleicht ein wenig Stirnrunzeln provozieren, welche Projekte mit einer Auszeichnung geehrt wurden. Neben der Kolumba von Peter Zumthor, dem sicherlich bedeutendsten Bauwerk der vergangenen vier Jahre in Köln und das einzige der Liste, das international den Blick auf die Architektur in Köln ziehen konnte, sind es eher abseitige bis skurrile Bauaufgaben. Und eine der schönsten Erfindungen wird zudem nie jemand zu Gesicht bekommen, außer, das Kölner Hochwasser steigt über 7,50 Meter und der Betreffende arbeitet für den Flutschutz unter der Hochbrücke Rodenkirchen von Paul Bonatz. Dort versteckt sich in einem verwilderten Grün nämlich die nierenförmige Lagerstätte für Hochwasserschutzelemente, eine geschwungene Betonkonstruktion mit verschiedenen transparenten Lichthöfen für die Bäume des Bauplatzes. Dieses unsichtbare Funktionsgebäude mit den schönen Schwüngen und dem milchigen Licht reizt sofort die Phantasie über andere Bespielungen – vom Künstleratelier zur Ausstellungshalle oder sogar zu speziellem Wohnen reichten die Ideen, wie dieser verwunschene Raum öffentlicher gemacht werden könnte.

 

Von den gleichen Architekten, Trint + Kreuder, stammt der Umbau der einstigen Lagerhallen einer Seilerei neben Harald Schmidts Produktionsgebäude in Köln-Mülheim. Hier, im revitalisierten Industrieerbe an der Schanzenstraße, haben die Architekten den zweckgebundenen Materialwildwuchs des langen Gebäudes mit einer Banderole aus rhythmisch gelochten Blechen gebändigt, eine Vielzahl unterschiedlicher Innenhöfe für eine hohe Aufenthaltsqualität geschaffen, und mit den Materialien Holz und Glas eine Oberfläche erzeugt, die wunderbar mit den Spuren der Industrienutzung korrespondiert.

 

Schließlich beeindruckte die Jury die apricot-farbene Betonskulptur der offenen Ganztagsschule Buschfeldstraße. Kompakt und trotzdem spielerisch entwickelt diese Grundschulerweiterung eine Balance aus Pflicht und Kür, die für das Schülerdasein einen symbolischen Ausdruck findet, ohne zu den üblichen „Kinder-Klischees“ von Primärfarben, abstrahierten Tieren oder „lustigen“ Einfällen zu greifen (Johannes Schilling).

 

Auch bei den Anerkennungen fand die Jury auf ihrer Material- und Stadtreise das Pfiffige, Staunenswerte, Mutige und ästhetisch Wegweisende eher in den Provisorien, den kleinen Bauaufgaben und an unerwarteten Orten, wo der Drift zum ökonomischen Kompromiss offensichtlich nicht so dominierend wirkt wie in den großen Projekten der Kernstadt. Der aus gelbem Bauholz konstruierte, ironisch als Satteldachhütte gefügte Meetingpoint der plan 09 von LHVH Architekten und der weiße Kubus mit den trichterförmigen Oberlichtern, den Gernot Schulz als Interimsquartier für das Haus der Architektur entworfen hat, atmen jene Unbeschwertheit des Entwerfens, die man auch größeren Projekten manchmal wünschen würde. Das Pumpwerk St.-Leonardus-Straße in Köln-Niehl von Astoc zeigt an diesem industriellen Unort eine künstlerische Intervention mit einer geschwungenen, bemoosten Kaisteilwand, hinter der sich ein silbrig glänzendes Spiel mit Grundformen verbirgt, das diese Reinigungsanlage für Industrieabwässer zu einem surrealen filmischen Ort macht. Und auch das Büro- und Logistikcenter „Alpha Eins“ im neuen Gewerbegebiet Tritop in Köln-Vogelsang von Giuliani.Hönger Architekten aus Zürich zeigt in der optischen Verschränkung einer klar strukturierten Betonlagerhalle mit einem ringförmigen Bürotrakt durch einen Hallenturm besondere räumliche Qualitäten, die in einem solchen Zweckbau nicht selbstverständlich zu erwarten sind.

 

Schließlich beweist die sehr schlüssige Antwort einer Minikirche aus streng rechtwinkligen hellen Massen, die Kaspar Kraemer Architekten für das neue Zugangsbauwerk zum Südturm neben dem Dom gefunden haben, dass die Beziehung von Gotik und Moderne sehr glücklich enden kann. Und die musikalische Grafik des neuen Geißbockheims wurde durchaus im Vergleich mit den vielen architektonischen Scheußlichkeiten, mit denen Fußballvereine ihre Mitglieder und Mitarbeiter bestrafen, als vorbildlich gelobt – wenn auch der ortsansässige Juror zu Recht bemängelte, dass mit dem neuen Riegel der Blick von der Café-Terrasse auf das Trainingsgelände versperrt wurde.

 

So stellte sich dieser Jury Köln nicht nur als vitale und lebenswerte Stadt dar, sondern auch als ein Ort, wo die Baukultur eher aus der Nische sprießt. Vielleicht ist dies die wahre Schönheit Kölns. Ob das auch in Zukunft so sein muss, darüber entscheiden nicht zuletzt die Ambitionen der Kölner Architekten.

Till Briegleb